Ein Pferd aus dem Schlafzimmerfenster

Neulich habe ich Tiere auf Porzellan entdeckt und fotografiert.
Ich habe mich umgeschaut. Es gibt noch mehr davon, wir sind befallen. Aus jeder Ecke werden wir angeguckt, in der Speisekammer sitzt ein Fisch auf der Waage und ein Pferd schaut aus dem Schlafzimmerfenster auf die Straße.

Pferd aus dem Schlafzimmerfenster blau

(Scroll down down down for the English summary)

Wenn ich gezielt meine Filter darauf einrichte, entdeckte ich noch viele Tiere. Keines davon niedlich, vielmehr ernst zu nehmende Charaktere, die ihre (unsere?) Territorien unter sich verteilt haben und an ihren Posten sitzen. Zumindest, wenn wir da sind.

Welche Rolle spielen sie hier, so verteilt und bestimmt nicht auf irgendwelche Kinder wartend, die mit ihnen womöglich spielen würden? Mit einem Augenwinkel werden sie ständig wahrgenommen. Sie scheinen miteinander gut vernetzt zu sein. Sind sie für uns ein Ersatz für lebende, „richtige“ Tiere, die in dieser Wohnung (bis auf die zwei Bänderschnecken) nicht mit uns sein können? Doch wir wollten keine Tiere haben, hier mitten in einer Stadt, haben ist sowieso ein falsches Wort dafür, wir können uns hier nicht von einer Katze besitzen lassen oder einem nassen Hund nach jedem Spaziergang die Pfoten trocken putzen. Irgendwo draußen, wäre es vielleicht keine Frage, hier ist es klar.
FIschfigur aus Wurzelholz in der Speisekammer
Plastikfisch zum Aufziehen im Regal
Die hier abgebildeten Begleiter sind kein Ersatz, das ist schon mal sicher, sie sind eigenständige Wesenheiten und wer weiß, Schutzgeister? Vielleicht sind sie aber eine ständige Erinnerung, Botschafter der Welt da draußen, mit der wir zur Zeit scheinbar keine direkte Verbindung haben. Die uns erinnern, hey, Meisenknödel auf dem Balkon zu hängen und sich auf deren zunehmendes Abnehmen zu freuen, das ist noch nicht genug. Fette Hummel zu beobachten, jede Spinne vorsichtig raus zu tragen, auch das nicht. Es gibt aber eine Welt, die uns braucht und wir brauchen sie.

Das Bewusstsein, dass wir alle zusammen zu einem System gehören, verliert sich oft im täglichen Leben. Jetzt wo die Reisen eingeschränkt sind, bewundern wir auch weniger Exotik und unser Territorium, so geschrumpft, scheint von den Savannen, Taigen und Tundren, geschweige denn Regenwäldern, sehr fern zu sein. Das täuscht.

Manche Worte, die zu oft gehört werden, fangen an, sich aufzulösen, die Kraft zu verlieren. Nachhaltigkeit. Klimawandel. Artensterben. Biodiversität. Das darf aber nicht passieren und gerade jetzt müssen wir es im Hinterkopf haben: Es geht weiter.
asiatisches Wildschwein aus Stoff mit Stickereien in der Speisekammer
Plastikpinguin zum Aufziehen im Badezimmer
Kerze in Form eines Kaninchens auf der Fensterbank
Vernichtung wird in Fußballfeldern gemessen, Arten werden zwar noch entdeckt, das macht die Statistik besser, aber die Prognosen…

Hier wollte ich schreiben, dass bis 2050 eine Million Arten nicht mehr da sein werden, seit den 70er Jahren starb 60% der gesamten Population der wilden Tiere.

Allein letztes Jahr hat die sog. Menschheit 11 Millionen Hektar Urwald vernichtet, inklusive der Flora und Fauna. Das sind Zahlen der Wildnis. Dazu das Leiden der Tiere, die Menschen züchten. Die Aufzählung der Gräueltaten hätte kein Ende, ich denke auch nicht, dass ich das hier schreiben will, denn ich habe es mir vorgenommen, positiv zu bleiben, was bei dem Thema keine so leichte Aufgabe ist.
Figur Papagei auf dem Schrank zwischen Vasen
FIguren der Elefanten mit einem Elefantenbaby
Eine Persönlichkeit, die weltbekannt ist durch die Naturfilme seit mehreren Dekaden – Sir David Attenborough, startete neulich, im Alter von 94 Jahren, ein Instagram Account, das sofort von Millionen abonniert wurde. Diese Nicht-Glam-Promi-Popularität fand ich unfassbar erfrischend. Es ist vielen Menschen wichtig, das ist doch ein gutes Zeichen? Hoffentlich sind da ein Paar Firmenchefs und Macher dabei, die tatsächlich im großen Stil ihren guten Einfluss ausüben können.
Seine Filme haben sich im Laufe der Jahrzehnten parallel zu dem Rezept gewandelt, wie eine Naturdoku zu machen ist. Die frühen Streifen mit ihrem, heute undenkbaren, scoutigen Entdeckergeist, Tierchen in der Hand als „dieser kleine Kerl“ vorgestellt. Heute, dank technischen Möglichkeiten sind sie mit einem, ich möchte hoffen, respektvollem Abstand gedreht.
„A Life On Our Planet“, sein aktueller Film, ist wider Erwarten sehr positiv, macht uns trotz allem noch Hoffnung, dass wenn sich jetzt was ändert, hat das Ganze – inklusive uns – als System noch eine Chance. Und er argumentiert, dass wir es auch für uns selbst tun müssen, klar, aber wären wir nicht direkt in Gefahr hätte es weniger Bedeutung?
Spielzeug Kuh mit Sound im Glasregal
Puppenhaus Küchenschränke und ein mini Ferkel aus Holz
Plastikhund zum Aufziehen im BücherregalRoter Drache Dino auf einem grauen Schrank
Unsere Begleiter auf den Regalen, ob wild oder domestiziert, sind bei uns sicher und sind uns wichtig. Sie beschützen uns, wir beschützen sie. Wie sieht es bei euch aus, habt ihr auch solche Mitbewohner? Versuchen sie auch, die Verbindung mit der Welt herzustellen?
Glückskatze aus Keramik mit DVD Babylon 5 und Twin Peaks im Hintergrund
Blechspielzeug Ente mit kleinen Entlein im Regal

ENGLISH SUMMARY: A horse in the bedroom window

The other day I discovered animals on porcelain and took pictures of them. I looked around. There are more of them, we’re infested. We are looked at from every corner, in the pantry a fish sits on the scales and a horse looks out of the bedroom window onto the street. If I set up my filters on them, I discover many more animals. None of them cute, but rather serious characters, who share (our?) territories among themselves and keep their posts. At least when we are at home.
What role do they play here, certainly not waiting for any children to play with them? With the corner of one eye they are constantly perceived. They seem to be well connected to each other. Are they a substitute for living, “real” animals, that cannot be with us in this apartment (except for the two snails)? But we didn’t want to have any animals, here in the middle of a city, to have is a wrong word for it anyway, we can’t let a cat own us here or dry paws of a wet dog after every walk. Somewhere outside the town it might happen, here it’s clearly a nope.
The companions shown here are no substitute, that’s for sure, they are independent entities and who knows, guardian spirits? But perhaps they are a constant reminder, ambassadors of the world out there, with which we currently seem to have no direct connection. Reminding us, hey, feeding tits on the balcony, that’s not enough. Watching fat bumblebee, carefully carrying every spider out, not enough either. But there is a world that needs us and we need it. The awareness that we all belong to a system together is often lost in everyday life. Now that travel is limited, we also admire less exoticism and our territory, so shrunken, seems to be very far from the savannah, taiga and tundra, let alone rainforests. That’s deceptive.
Some words that are heard too often begin to dissolve, to lose their power. Sustainability. Climate change. Extinction of species. Biodiversity. But this must not happen, and right now we have to keep it in mind: it will continue.
Destruction is measured in football pitches, species are still being discovered, which makes the statistics better, but the forecasts…
Here I wanted to write that by 2050 a million species will no longer be there, since the 1970s 60% of the total population of wild animals died. Last year alone, the so-called humanity destroyed 11 million hectares of virgin forest, including flora and fauna. These are numbers of the wildlife. In addition, the suffering of the animals that people breed. The list of atrocities would have no end, I don’t think I want to write this here, because honestly want to remain positive, which is not such an easy task with this topic.
A personality who has been world-famous through nature films for several decades – Sir David Attenborough, recently, at the age of 94, launched an Instagram account that was immediately subscribed to by millions. I found this non-glam-celebrity popularity incredibly refreshing. It is important to many people, isn’t that a good sign? Hopefully there will be a couple of company bosses and movers and shakers who can actually exert their good influence on a large scale.
Over the decades, his films have changed parallel to the recipe for how to make a nature documentary. The early stripes with their, today unthinkable, scoutlike spirit of discovery, animals in hand presented as “this little guy”. Today, thanks to technical possibilities, they are made with a, I would hope, respectful distance.
“A Life On Our Planet”, his current film, is, contrary to my expectations, very positive, it still gives us hope that if something changes now, the whole thing – including us – as a system still has a chance. And he argues that we have to do it for ourselves as well, sure, but wouldn’t we be in direct danger, would it have less meaning?
Our companions on the shelves, whether wild or domesticated, are safe with us and are important to us. They protect us, we protect them. How about you, have you also got flatmates like that? Do they also try to establish the connection to the world outside?

4 Gedanken zu „Ein Pferd aus dem Schlafzimmerfenster

  1. Hi Magda,
    was für ein berührender Text. Habe viele deiner Tiere wiedererkannt. Und wie sieht es bei mir aus? OH JE, kein Schutztier, kein Pferd schaut aus dem Fenster. Oj je, keine Tiere in der Whg. Doch! Ich habe- ich habe einen Hund, er heißt Willem und ist mein Ja-sager. Steht auf dem Kühlschrank. Und siehe da, noch ein Tier. Eine Eule steht auf dem Regal auf dem Balkon. Nun bin ich aber froh, dachte im ersten Moment da wäre nichts. Und nun, gleich 2 Haustiere.

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