Ausmisten! Minimalismus auf dem Durchmarsch?

Meine Antennen haben in der letzten Zeit oft Gesprächsfetzen, Blogposts oder Kommentare mitbekommen, die sich um das Trennen, Aussortieren, Ausmisten oder Zeug drehen. Anscheinend ist die Pandemie für viele Menschen ein Auslöser zu Veränderungen in ihren vier und mehr Wänden. Der Geist von Marie Kondo schwebt ordentlich und lautlos darüber. Ist Minimalismus also auf dem Durchmarsch?

Grafik von Magda Jarzabek mit einer Hängeleuchte

(Scroll down down down for the English summary)

Wenn man das ganz genau betrachtet, ist jeder Fall natürlich eine Geschichte für sich.

Die Beweggründe, sich von Sachen zu trennen, sind beispielsweise bei einer Person, die in ihrem Leben Turbulenzen überstanden hat, verständlich. Genauso ist der Wunsch, sich mit manchen Gegenständen nicht mehr zu umgeben, die schlechte Energie der Krankheit oder Trennung in sich tragen, nachvollziehbar. Das Thema ist sehr persönlich und auch jeder realisiert diese Aufgabe nach eigenen Bedürfnissen, sei es Schritt für Schritt oder mit einer radikalen Aktion.

Oft wird aber in anderen Lebenslagen ausgemistet: Um mehr Luft für den freien Kopf (shape of the air!) zu haben. In dem Überfluss, um für neue Konsumgüter Platz zu schaffen. Weil das alte Mobiliar einfach nicht mehr geht. Tapetenwechsel. Mode. Pflegeleichtigkeit.
Wie es meine private Statistik sagt, diesen Ausmistungsdrang verspüren in 90% die Frauen. Vielleicht reden sie einfach mehr darüber, und die Männer machen es, wenn es sein muss?
Grafik von Magda Jarzabek mit einem Clubsessel
Was auf jeden Fall eine Rolle spielt, ist wie eine solche Aktion umgesetzt wird.
Wenn das Ausmisten per se ein Bedürfnis darstellt, in Ordnung. Gerade jetzt ist es aber wichtig, das Ganze auf dem Schirm zu behalten. Ein akuter Schranküberfall hat mehrere Säcke Kleidung als Folge. Was passiert damit weiter? In den Gesprächsfetzen höre ich „Hauptsache Weg!“, das macht mir Sorgen. Die Container sind voll, das System überlastet, internationale Verbindungen der Verwertungskette oft zusammengebrochen. Unter Lockdownbedingungen können gute Sachen nicht so leicht an die Secondhandläden oder an soziale Einrichtungen abgegeben werden, es droht also kurzsichtige Wegschmeißerei. Das betrifft natürlich nicht nur Klamotten.
Grafik von Magda Jarzabek mit einem grünen Sessel
Woher kommt diese Sehnsucht eigentlich?
Wie ich finde, hat die ästhetische Tendenz in zwei Himmelsrichtungen ihren Ursprung. Der Osten steht für die japanischen, mit rudimentären Gegenständen ausgestatteten Räume, so ausgewogen, dass die Geometrie der Papierwände einen perfekten Hintergrund für die kunstvolle Ikebana bildet. Diese Formulierung ist gezielt platt, denn ich suche nach dem ersten, intuitiven Bild im Kopf. Ich war leider noch nie dort, habe diese klischeehafte Vorstellung als Projektion vieler Eindrücke, Summe vieler Folien, es ist natürlich nur eines von vielen Gesichtern des Ostens, dessen Spiritualität diese Lebensweise geprägt hat. Auch die Bescheidenheit, Genügsamkeit und Respekt als Tugenden. Der dort verankerte Umgang mit Materialien und Formen faszinierte den Westen schon immer.
Ausmisten Minimalismus auf dem Durchmarsch Grafik von Magda Jarzabek mit einem Ohrensessel
Eine andere, etwas nähere aber genauso faszinierende Idealvorstellung liefert der Norden, der skandinavische Traum. Der Umgang mit hellen, in der neutralen Palette gehaltenen Farben, um so viel Licht wie möglich in den Räumen einzufangen. Holz, viel Holz und wieder die einfache, auf das Wesentliche reduzierte Ästhetik, die aber anderes Wohlbefinden mit sich bringt, denn es darf auch kuschelig sein, in hygge umhüllt bietet diese Lebensweise ihre eigene Spiritualität, Entschleunigung und Ruhe.
Ausmisten Minimalismus auf dem Durchmarsch Grafik von Magda Jarzabek mit einer Tischlampe
Das sind Idealvorstellungen, die viele Gemeinsamkeiten haben. In beiden ist kein Platz für „Zeug“. Beide suchen in einfachen Dingen die Balance für hektische, belastende Lebensweisen. Faszination und Sehnsucht nach diesen Mustern können dazu führen, diese Werte als Lösung für eigene Probleme zu suchen.

Ein Rezept für die ideale Umgebung gibt es nicht, für mich als Beobachterin ist die wichtigste Frage nach Stimmigkeit, Authentizität. Die Begriffe aus dem Norden und aus dem fernen Osten, die als Musthaves auftauchen, als Verkaufsargument und nicht als Vertiefung geistiger Kapazitäten, klingen wie falsche Töne und verschwinden in der Masse der Slogans.
Grafik von Magda Jarzabek mit einer Scherenlampe
Minimalismus ist eine fantastische Methode, die Weichen umzustellen, für sich selbst, für die Gesellschaft und die Umwelt. Das geschieht nicht von heute auf morgen und nicht ohne einen tiefen Impuls aus dem Inneren.
Wenn die Impulse nur von außen kommen, können wir uns mit solchen Beispielen anfreunden und sie für uns überlegen – so wie ich immer neugierig in die Tordurchfahrten reinschaue, um die fremden Höfe zu sehen und mir vorzustellen, dort zu leben. Aber es kommt immer die Frage: Es ist toll, aber ist das meins?

Alle Bilder in diesem Beitrag sind Grafiken ©Magda Jarzabek

Grafik von Magda Jarzabek mit Sessel und Fensterjalousie

ENGLISH SUMMARY: Muck it out! Minimalism on the march?
Lately my antennas have often noticed scraps of conversations, blog posts or comments about getting rid of stuff and clearing out. Apparently, for many people, the pandemic is a trigger for changes in their four or more walls. Marie Kondo’s ghost hovering neatly and without a sound over them. So is minimalism really on the march?
If you look at this closely, of course, each case is a story in itself.
For example, the reasons for giving up things are clear for a person who has survived turbulence in his or her life. The desire to no longer surround oneself with some objects that carry a bad energy of illness or separation in them is understandable. This is very personal and everyone solves this task according to their own needs, whether it be step by step or with a radical action.
Often, however, there are other situations in which people are clearing out: To have more air for the free mind (shape of the air!), in abundance – to make room for new consumer goods. Because the old furniture just doesn’t work anymore. Change of scenery. Fashion. Easier care.
My private statistics show that 90% of this urge seems to belong to women. Maybe they just talk about it more, and the men just do it when they have to?
What definitely matters is how such an action is implemented.
If this freeing oneself from stuff is a need per se, that’s fine. Right now, however, it is important to keep the whole thing in mind. An urgent closet attack results in several bags of clothing. What happens to them next?
In the scraps of conversation, I hear „The main thing is, that it‘s gone” and I’m worried about that. Containers are full, the system is overloaded, and international links in the recovery chain are often broken. Under lockdown conditions, it is not easy to give good things to secondhand shops or social institutions, so there is a danger of shortsighted throwing away. Of course, this is not just about clothes.
Where does this longing for minimalism come from?
As I see it, the aesthetic tendency has its origin in two cardinal directions.
The East stands for the Japanese spaces, decorated with rudimentary objects, so balanced that the geometry of the paper walls forms a perfect backdrop for the artful ikebana. This statement is deliberately cliché, because I am looking for the first, intuitive picture in my head. Unfortunately, I have never been there before, I have this cliché-like idea as a projection of many impressions, the sum of many slides, it is of course only one of many faces of the East whose spirituality has shaped this way of life. Modesty, sufficiency and respect are its virtues. The way of dealing with materials and forms has always been fascinating to the West.
The North, the Scandinavian dream, delivers another, somewhat closer but equally fascinating ideal. The use of bright colours kept in the neutral palette to capture as much light as possible in the rooms. Wood, lots of wood and again the simple aesthetic reduced to the essentials, which brings a different sense of wellbeing, because it can also be cuddly, wrapped in “hygge”, this way of life offers its own spirituality, deceleration and tranquility.
These are ideals that have many things in common. There’s no room for stuff in both of them. Both seek the balance in simple things for hectic, stressful lifestyles. Fascination and longing for these patterns can lead you to look for these values as a solution to your own problems.
There is no recipe for the ideal environment, for me as an observer the most important question is coherence, authenticity. The terms from the North and the Far East, which appear as must-haves, as a sales argument and not as a deepening of mental capacities, sound like false tones and disappear in the mass of slogans.
Minimalism is a fantastic way of setting the course, for oneself, for society and for the environment. This does not happen overnight and not without a deep impulse from within.
If the impulses come only from outside, we can consider such examples for ourselves – just as I always curiously look into the gates to see the foreign courtyards and imagine living there. But the question always comes up: It’s great, but is this mine?
All images are original prints ©Magda Jarzabek

2 Gedanken zu „Ausmisten! Minimalismus auf dem Durchmarsch?

  1. Great blog! And your final observation rings true in my case (and I suspect in most cases)…I long to have less stuff but actually my stuff is me! Those prints are wonderful. I’d love to buy the red chair one or the green and orange one if you have either.

    1. Glad you feel this way too. I am quite a minimalist (in actions) having quite a lot of stuff and I think it can work together well. There are some texts in my head on this, I couldn’t pack it all into this one so they will come within the next weeks. For the prints – yes I have some of each, I can email you so you can choose the right one. Thank you!

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